Wann ist eine Flugentschädigung ausgeschlossen? Und wann nicht?

Nicht jede einzelne Unannehmlichkeit auf einem Flug berechtigt zu Ausgleichszahlungen gemäß FluggastrechteVO. Fluggastrechte sind bislang nach deutscher und europäischer Rechtslage nur bei besonders erheblichen Flugunregelmäßigkeiten vorgesehen. Deswegen gibt es eine Vielzahl von Fällen, in denen eine Flugentschädigung ausgeschlossen ist.

Damit Flugreisende aber immerhin den Überblick haben, wann ein Anspruch vermutlich fehlt und wann nicht, stellen wir hier die häufigsten Konstellationen zusammen, bei denen die Flugentschädigung ausgeschlossen bleibt. Dadurch erklärt sich auch, wann und weshalb unser Entschädigungsrechner zu dem Ergebnis kommt, dass Ersatz-Pilot keine Direktentschädigung für einen Flugausfall oder eine Verspätung anbieten kann. Außerdem verrät die nachstehende Aufstellung im Umkehrschluss, wann in der Regel ein Entschädigungsanspruch besteht.

Das Wichtigste in Kürze:

Wenn eine Flugentschädigung laut unserem Entschädigungsrechner ausgeschlossen ist, liegt das fast immer an einem der folgenden vier Gründe:

Wann Flugentschädigung ausgeschlossen ist

Alle Einzelheiten zu den Ausschlussgründen finden sich in den nachstehenden Abschnitten. Liegt keiner der genannten Ausschlussgründe vor, besteht für einen Reisenden höchstwahrscheinlich ein Anspruch auf Flugentschädigung. Zudem können sich in solchen Konstellationen weitere Fluggastrechte ergeben, etwa auf Gepäckentschädigung, Verpflegung und Hotelübernachtungen bis zum verzögerten Abflug.

Grund 1: Flugunregelmäßigkeit nicht erheblich genug

Grundvoraussetzungen

Ausdrücklich gewährt die FluggastrechteVO Flugreisenden nur dann einen Anspruch auf Entschädigung, wenn ihr Flug ausfällt oder ihnen die Beförderung ohne eigenes Verschulden verweigert wurde. Überbuchung und Annullierung waren damit anfangs die einzigen Konstellationen, in denen Anspruch auf eine Ausgleichszahlung besteht.

Seit 2009 bejaht die Rechtsprechung außerdem noch gravierende Verspätungen als Grund für eine Entschädigung. Erheblich genug sind dabei nach Ansicht der Gerichte allerdings nur Verzögerungen von drei Stunden oder mehr bei Ankunft am Ziel der Reise. Eine Ausnahme hat sich in jüngerer Vergangenheit dort herauskristallisiert, wo sich ein Zubringerflug erheblich verspätet und ein Fluggast seinen Anschlussflug verpasst. Auch hier setzt eine Entschädigungsberechtigung jedoch voraus, dass sich die Verspätung am Endziel auf mindestens drei Stunden beläuft. Übrigens: Um auf Langstreckenflügen die volle Entschädigungshöhe zu erhalten, erfordert die Rechtsprechung orientiert an Art. 7 Abs. 2 FluggastrechteVO eine Verspätung von über vier Stunden. Beträgt die Verspätung stattdessen nur mehr als drei Stunden, heißt das zwar nicht, dass eine Flugentschädigung ausgeschlossen ist. Dafür steht dem Betroffenen jedoch in solchen Fällen nur eine hälftige Ersatzpauschale zu, d.h. nur in Höhe von 300 € statt 600 €.

Ausnahmen, bei denen eine Flugentschädigung trotzdem ausgeschlossen ist

Damit bei einer Verspätung die Flugentschädigung nicht ausgeschlossen wird, muss der Flugreisende jedoch zwingend mitfliegen. Organisiert er sich eigenständig eine Ersatzbeförderung oder verzichtet er auf die Reise, verneint die Rechtsprechung reisebedingte Unannehmlichkeiten und damit auch einen Anspruch auf deren Entschädigung.

Und auch bei Annullierungen und bei Nichtbeförderung besteht eine Einschränkung. Gelingt es der Airline, eine Ersatzbeförderung zu organisieren, entbindet sie diese von der Entschädigungspflicht, wenn ein Fluggast dank der Alternative am Zielort maximal zwei Stunden später als geplant ankommt. Erst wenn das nicht gelingt, entsteht der Anspruch auf Ausgleichszahlung. Faustformel: Bei einem Flugausfall besteht Entschädigung nur, wenn ein Fluggast infolgedessen über zwei Stunden verspätet sein Ziel erreicht.

Man kann daher eine gewisse Parallele zum Kaufrecht ziehen. Auch hier erhält der Verkäufer bei Mängeln der Ware zunächst Gelegenheit zur zweiten Andienung. Erst wenn eine Nachbesserung oder Nachlieferung scheitert, erwächst dem Käufer für gewöhnlich ein Recht auf Schadensersatz.

Grund 2: Entschuldigungsgrund für Flugunregelmäßigkeit

Außergewöhnliche Umstände

Wenn die Airline sich ausnahmsweise auf einen Entschuldigungsgrund für die Flugunregelmäßigkeit berufen kann, bleibt ebenfalls eine Flugentschädigung ausgeschlossen. Das haftungserleichternde Zauberwort lautet dabei „außergewöhnliche Umstände“ (die nicht mit zumutbaren Anstrengungen umgangen werden können). Solche liegen überall dort vor, wo die Störung des Betriebsablaufs auf Faktoren zurückgeht, die sich dem Einfluss der Fluggesellschaft entziehen.

Entschuldigt ist die Airline insofern in der Regel durch sicherheitsgefährdende Wetterlagen, Streiks der Belegschaft oder Flughafensperrungen, etwa wegen Bombendrohung. Hierbei handelt es sich jeweils um Fälle von „höherer Gewalt“. Hinzukommt aber noch eine Reihe von Vorfällen, die sich zwar auf den ersten Blick von einer Fluggesellschaft steuern lassen, sich aber tatsächlich ihrer Organisationssphäre entziehen. Das betrifft alle Störungen der Arbeitsprozesse an Flughäfen, die nicht exklusiv auf die Abwicklung eines bestimmten Fluges zugeschnitten sind.

Gemeint sind damit etwa der Betrieb des Towers, der Sicherheitskontrollen oder die Schneeräumung auf dem Rollfeld. Sie dienen allen Fluggesellschaften und Passagieren gleichermaßen. Ein Drängen einer einzelnen Airline kann deshalb nicht zu ihrer Privilegierung führen, selbst wenn sie darum bemüht hätte. Das macht Flugunregelmäßigkeiten aus solchen Ursachenherden für Fluggesellschaften typischerweise unbeherrschbar und somit entschuldbar.

Anders verhält es sich aber wiederum dort, wo Mitarbeiter des Flughafens exklusiv als Erfüllungsgehilfen einer bestimmten Fluggesellschaft auftreten. Hierunter fallen beispielsweise das Personal der Gepäckabfertigung, des Caterings und der Einstiegstreppen zum Flugzeug. Einer unserer ersten Fälle betraf beispielsweise eine eintägige Verspätung, die ein Rollfeldmitarbeiter dadurch verschuldet hatte, dass er mit der fahrbaren Fluggasttreppe versehentlich das Flugzeug rammte.

Generell gilt: Die häufigen Störungsquellen, nämlich technische Defekte, Umorganisationen des Flugplans und Ausfälle der Crew (z.B. durch Krankheit) hat eine Airline in aller Regel zu vertreten. Insofern besteht meistens kein Hindernis für eine Entschädigungsberechtigung.

Zumutbare Gegenmaßnahmen

Art. 5 Abs. 3 FluggastrechteVO schließt eine Entschädigungspflicht der Airlines allerdings erst aus, wenn nicht nur unbeherrschbare außergewöhnliche Umstände auftreten, sondern es der Fluggesellschaft zudem unmöglich war, daraus folgende Verzögerungen abzuwenden. Auch diese Voraussetzung muss erfüllt sein, damit eine Flugentschädigung ausgeschlossen ist. Nichtsdestotrotz vereiteln in der Praxis unkontrollierbare Fälle von höherer Gewalt meist auch Gegenmaßnahmen. Gefährdet ein Unwetter den Luftverkehr, betrifft dies meistens gleichermaßen ein etwaiges Ersatzflugzeug. Dasselbe gilt bei Beschränkungen von Flugverbindungen durch Streiks, Reglementierungen der Flugsicherung, den Ausfall eines Towers oder eine Flughafensperrung.

Ohnehin hält die Rechtsprechung nur wenige Maßnahmen für zumutbar, die eine Verzögerung verringern könnten. Eine Subcharteranfrage kommt in der Regel nur mit hinreichender Vorlaufzeit in Betracht; bei plötzlichen Flugausfällen trifft die Airline nur ein stark verkürztes Pflichtenprogramm. Ein Ersatzflugzeug bereitzustellen, ist dann meistens nur zumutbar, wenn es zufällig schon am Startflughafen in Reserve steht (BGH, Beschluss vom 20.02.2018, X ZR 23/17). Und selbst in derartigen Konstellationen kann sich die Fluggesellschaft angesichts außergewöhnlicher Umstände meistens damit entlasten, dass diese auch eine rechtzeitige Alternativbeförderung verhinderten.

Zu denken ist gelegentlich noch an eine Umbuchung eines einzelnen Fluggastes auf eine andere Maschine als weitere Hilfsmaßnahme. Indes hat der Bundesgerichtshof mit Urteil vom 12.6.2014 klargestellt, dass solche Individualmaßnahmen im Rahmen von Art. 5 Abs. 3 FluggastrechteVO außer Betracht bleiben sollen. Folglich verhindern zumutbare Gegenmaßnahmen nur dort, dass eine Flugentschädigung ausgeschlossen wird, wo sich die Flugunregelmäßigkeit nicht bloß für Einzelne vermeiden ließ, sondern im Ganzen, etwa durch Bereitstellung eines Alternativflugzeuges.

Grundsatz

Prinzipiell gilt daher: Verursachen Probleme mit Crew oder Flugzeug eine Flugunregelmäßigkeit, muss die Airline dafür einstehen. Bewirken hingegen Umweltbedingungen oder Störungen im Betrieb eines Flughafens Ausfälle oder Verzögerungen, entschuldigt dies die einzelne Fluggesellschaft typischerweise. Die nachstehende Grafik veranschaulicht dies noch einmal. In den Verantwortungsbereich der Fluggesellschaft fällt alles rings um die Flugzeuge, die sie einsetzt und die deshalb in ihrer Organisationssphäre liegen (grüner Bereich). Das betrifft vor allem die Technik, die Crew und die Zulieferer einer einzelnen Maschine (z.B. für das Catering etc.). Allgemeine Beeinträchtigungen der Abläufe an einem Flughafen oder das Wetter gelten hingegen als außergewöhnliche Umstände (roter Bereich). Sie liegen jenseits der Organisationssphäre der Airline und führen in der Regel dazu, dass eine Flugentschädigung ausgeschlossen ist.

Flugentschädigung ausgeschlossen bei Verspätungsursachen aus dem roten Bereich

Einzelne Beispiele außergewöhnlicher Umstände

Die Rechtsprechung hat im Laufe der Jahre klar herausgearbeitet, welche Ursachen für Flugunregelmäßigkeiten als außergewöhnlich gelten und welche nicht. Fällt also einmal die Einordnung unter den obigen Grundsatz schwer, erleichtert folgende Aufstellung die Abschätzung, inwiefern eine Flugentschädigung ausgeschlossen bleibt.

Anerkannte gewöhnliche Umstände

Eine Entschädigungsberechtigung bejahen Gerichte bei folgenden Ursachen einer Flugverspätung oder -annullierung:

  • Technische Probleme am Flugzeug

    • Technischer Defekt ohne unmittelbare Fremdeinwirkung, z.B.
      • Triebwerkschaden (LG Düsseldorf, Urteil vom 7.5.2009, 22 S 215/08)
      • Schaden am Fahrwerk (LG Stuttgart, Urteil vom 20.4.2011, 13 S 227/10)
      • Defekt an der Kerosinzufuhr (HG Wien, Urteil vom 13.3.2010, 60 R 114/06d)
      • Kraftstoffleckage (AG Hannover, Urteil vom 22.1.2014, 526 C 7704/12)
      • Ausfall des Wetterradars (AG Rüsselsheim, Urteil vom 20.4.2012, 3 C 2273/11)
      • Defekt der Höhenrudersteuerung (AG Rüsselsheim, Urteil vom 25.3.2011, 3 C 289/11)
      • Undichtes Cockpitfenster (BezG Schwechat, Urteil vom 8.1.2015, 1 C 199/14x)
      • Defekt an einer Notrutsche (AG Rüsselsheim, Urteil vom 20.7.2010, 3 C 1316/09-32)
      • Reifenschaden wegen starker Abnutzung (LG Hamburg, Urteil vom 12.6.2017, 309 S 105/16; LG Stuttgart, Urteil vom 7.12.2017, 5 S 103/17)
    • Beschädigung des Flugzeugs durch Erfüllungsgehilfen der Airline (AG Düsseldorf, Urteil vom 24.6.2016, 11c C 25/16)
      • bei Be- und Entladung des Gepäcks (LG Darmstadt, Urteil vom 26.3.2010, 7 S 201/09)
      • durch ein Treppenfahrzeug (EuGH, Urteil vom 14.11.2014, C-394/14)
      • im Zuge der Catering-Belieferung (AG Köln, Urteil vom 12.5.2014, 142 C 600/13)
      • durch ein Fahrzeug zum Schleppen des Flugzeugs (AG Rüsselsheim, Urteil vom 27.7.2012, 3 C 468/12)
    • Beschädigung auf dem Rollfeld durch Kollision mit einem anderen Flugzeug (AG Nürtingen, Urteil vom 31.10.2017, 10 C 1551/15)
  • Personenbezogene Probleme

    • Erkrankung oder Tod eines Besatzungsmitglieds (LG Hannover, Urteil vom 11.1.2018, 8 O 299/17; LG Darmstadt, Urteil vom 23.5.2012, 7 S 250/11)
  • Organisatorische Probleme

    • Umorganisation des Flugplans (z.B. Einsatz einer Maschine für einen anderen Flug; AG Frankfurt a. M., Urteil vom 4.3.2015, 29 C 3128/14)
    • Verzögerung der Abfertigung beim Check-in und Boarding (LG Stuttgart, Urteil vom 21.12.2017, 5 S 142/17; AG Hannover, Urteil vom 6.12.2012, 522 C 7701/12)
    • Verzögerung durch Ausladen des Gepäcks nicht erschienener Passagiere (AG Frankfurt a. M., Urteil vom 9.3.2016, 29 C 1685/15-21; AG Nürnberg, Urteil vom 28.2.2017, 12 C 492/16)
    • Umbuchung durch den Reiseveranstalter (BGH, Urteil vom 21.8.2012, X ZR 146/11)
    • Treibstoffmangel (Tribunais de Comarca Lisboa (AG Lissabon, 15. Kammer), Urteil vom 15.1.2018, 14138/17.1T8LSB)
    • Verspätung des Einstiegs von Passagieren wegen Verzögerung von Pushback-Fahrzeugen auf dem Rollfeld (AG Hannover, Urteil vom 3.5.2016, 446 C 7085/15)
  • Witterungsbezogene Probleme

    • Mangel an Enteisungsmittel (OLG Brandenburg, Urteil vom 19.11.2013, 2 U 3/13; LG Köln, Urteil vom 9.4.2013, 11 S 241/12)

Bewusst übergeht unsere Übersicht das Nachtflugverbot als mögliche Ursache einer über dreistündigen Verspätung. Denn dieses wirkt sich stets bloß verschärfend aus. Dass überhaupt ein Start oder eine Landung in das Zeitfenster eines Nachtflugverbots fällt, liegt hingegen immer an vorausgehenden Verzögerungen. Allein deren Ursache ist nach Auffassung der Rechtsprechung maßgeblich dafür, ob ein außergewöhnlicher Umstand vorliegt und eine Flugentschädigung ausgeschlossen bleibt. Dies ergibt sich aus der einschlägigen Rechtsprechung und Kommentarliteratur (siehe Schmid, in: BeckOK-FluggastrechteVO, Art. 5, Rn. 116; BGH, Urteil vom 7.5.2013, X ZR 127/11).

Anerkannte außergewöhnliche Umstände (Flugentschädigung ausgeschlossen)

Den Anspruch auf eine Flugentschädigung verneinen Gerichte in der Regel, wenn einer der folgenden außergewöhnlichen Umstände auftritt:

  • Technische Probleme am Flugzeug

    • Beschädigung auf dem Rollfeld
      • durch fremde herumliegende Gegenstände (LG Darmstadt, Urteil vom 23.7.2014, 7 S 126/13; LG Stuttgart, Urteil vom 7.12.2017, 5 S 103/17; AG Hamburg, Urteil vom 18.1.2018, 35a C 325/16)
    • Beschädigung durch Passagiere (z.B. durch Betätigung der Notrutsche; AG Rüsselsheim, Urteil vom 18.9.2013, 22a C 214/12)
    • Sabotage (EuGH, Urteil vom 22.12.2008, C-549/07)
    • Beschädigung durch Tiere, z.B.
      • Vogelschlag (EuGH, Urteil vom 04.05.2017, C-315/15; BGH, Urteil vom 24.09.2013, X ZR 160/12)
      • Insekt oder Biene im Staurohr (AG Rüsselsheim, Urteil vom 24.7.2013, 3 C 2159/12-36)
      • Nagetier an Bord (AG Düsseldorf, Urteil vom 8.10.2014, 47 C 17099/13)
    • Beschädigung durch Witterungsbedingungen (z.B. Blitzschlag) (AG Rüsselsheim, Urteil vom 18.1.2017, 3 C 751/16-31)
  • Personenbezogene Probleme

    • Streik (siehe bereits Erwägungsgrund 14 der FluggastrechteVO)
      • Arbeitsniederlegung der Besatzung (BGH, Urteil vom 21.8.2012, X ZR 138/11)
      • Arbeitskampf des Flughafenpersonals (AG Hamburg, Urteil vom 9.5.2014, 36a C 462/13; AG Hannover, Urteil vom 26.11.2014, 506 C 3954/14)
      • Arbeitsniederlegung der Fluglotsen (AG Königs Wusterhausen 15.12.2017, 4 C 486/17)
    • Abflugsverzögerung durch Behörden (z.B. an den Sicherheitskontrollen) (AG Rüsselsheim, Urteil vom 15.6.2015, 3 C 958/15-42)
    • Erkrankung oder Tod eines Passagiers (LG Frankfurt a. M., Urteil vom 21.3.2014, 2-24 S 160/13)
    • Behinderung der Flugdurchführung durch Mitreisende
      • wegen Flugangst (LG Landshut, Urteil vom 11.4.2017, 14 S 111/17; Urteil vom 25.4.2017. 12 S 209/17)
      • wegen aggressiven Verhaltens (AG Rüsselsheim, Urteil vom 8.2.2017, 3 C 742/16-36)
    • Selbstverschuldetes Verpassen eines Anschlussfluges trotz hinreichender Mindestumsteigezeit (AG Hannover, Urteil vom 14.3.2017, 523 C 12833/16)
  • Organisatorische Probleme

    • Flugsicherungsprobleme, z.B.
      • verspätete Startfreigabe eines Fluges (AG Erding, Urteil vom 15.4.2016, 7 C 1934/15)
      • Ausfall des Radargerätes der Flugsicherung (AG Erding, Urteil vom 18.4.2011, 2 C 1053/11)
      • verspätete Landeerlaubnis eines Fluges (HG Wien, Urteil vom 6.10.2017, 1 60 R 62/17y)
      • Defekt des Computersystems der Flugsicherung (LG Korneuburg, Urteil vom 7.5.2015, 21 R 97/15k)
    • Flughafensperrung (AG Frankfurt a. M., Urteil vom 31.8.2006, 30 C 1370/06)
    • Sperrung einer Landebahn (AG Düsseldorf, Urteil vom 24.6.2016, 11c C 25/16)
  • Witterungsbezogene Probleme

    • Sicherheitsgefährdende Unwetter (z.B. Schneesturm, starke Winde Gewitter, Hagelstürme; siehe etwa LG Frankfurt a. M., Urteil vom 14.3.2014, 2-24 S 110/13)
      • am Start- oder Zielflughafen
      • auf dem Umlauf des Flugzeugs vor dem Start
    • Sperrung des Luftraums für den Flugverkehr (AG Rüsselsheim, Urteil vom 17.2.2015, 3 C 4758/14-34)
    • Mangelhafte Schneeräumung am Flughafen (OGH, Urteil vom 16.11.2012, 6 Ob 131/12a)
  • Politische Unruhen

    • Bürgerkrieg oder Staatsstreich am Reiseziel (AG Rüsselsheim, Urteil vom 9.10.2014, 3 C 2404/14-38)

Außergewöhnliche Umstände schließen allerdings ausnahmsweise dort eine Flugentschädigung nicht aus, wo sie sich schon vor dem eigenen Flugumlauf bzw. am Vortag ereignen. Hier lehnen die Gerichte zurecht ab, dass die Flugunregelmäßigkeit auf die geltend gemachten unbeherrschbaren Vorkommnisse „zurückgeht“. Dies wäre jedoch die Voraussetzung, damit nach Art. 5 Abs. 3 FlugastrechteVO eine Flugentschädigung ausgeschlossen ist. Entsprechend bestätigten in solchen Konstellation eine Flugentschädigung unter anderem das AG Erding (Urteil vom 23.7.2012, 3 C 719/12), das AG Königs Wusterhausen (Urteil vom 17.2.2016, 4 C 1942/15), das LG Korneuburg (Urteil vom 22.8.2015, 22 R 34/15b) und das LG Hannover (Urteil vom 30.11.2015, 1 S 33/13).

Grund 3: Flug ohne hinreichenden EU-Bezug

Die FluggastrechteVO gewährt Ausgleichszahlungen grundsätzlich nur bei Flugunregelmäßigkeiten auf Flügen, die in der EU starten sollen. Flüge, bei denen nur der Zielflughafen in der EU liegt, kommen lediglich dort für eine Entschädigung in Betracht, wo die ausführende Airline ihren Sitz in einem EU-Mitgliedsstaat hat. EU-Staaten gleichgestellt sind die assoziierten Länder, in denen teilweise EU-Recht Anwendung findet (Island, Liechtenstein und Norwegen).

Grundlage für die Gültigkeit der FluggastrechteVO in der Schweiz sind der Beschluss Nr. 1/2006 und der Beschluss Nr. 1/2014 vom 9.7.2014 des Gemischten Luftverkehrsausschusses Gemeinschaft/Schweiz. Hieran hält der Gemischte Luftverkehrsausschuss auch mit Beschluss Nr. 1/2017 vom 29.11.2017 fest.

Alle außereuropäischen Flüge bleiben schon dem Anwendungsbereich der FluggastrechteVO nach außer Frage, sodass hier jeweils eine Flugentschädigung ausgeschlossen ist. Das gleiche gilt für Flüge außereuropäischer Fluggesellschaften, die nur in der EU landen, aber nicht starten. Jenseits der EU finden sich leider keine Regelungen, die Passagieren ein Schutzniveau bieten, das mit dem der FluggasterechteVO vergleichbar ist. Für Flugunregelmäßigkeiten auf sonstigen Verbindungen können wir unseren Dienst daher leider nicht anbieten, weil hier eine Flugentschädigung ausgeschlossen bleibt.

Grund 4: Zahlungsunfähigkeit oder ungewisse Fortführung der Airline

Darüber hinaus steht unser Dienst ausnahmsweise dort nicht bereit, wo ein Entschädigungsanspruch besteht, aber wertlos geworden ist. Konkret handelt es sich um Fälle, in denen die jeweilige Fluggesellschaft zwar Entschädigung zahlen muss, aber nicht mehr kann, weil ihre Insolvenz kurz bevorsteht oder schon eingetreten ist. Hier verhindert die Zahlungsunfähigkeit trotz des Rechtsanspruchs faktisch eine Ersatzleistung. Betroffen sind hiervon beispielsweise Flüge, die bis 2017 Air Berlin oder NIKI durchgeführt haben. Das Gleiche gilt für Verbindungen der Small Planet Airlines, die 2018 die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens anmelden musste.

Daneben kommt es bei vereinzelten Fluggesellschaften zu einer weiteren ungünstigen Sonderkonstellation, wegen der zumindest Ersatz-Pilots direkte Flugentschädigung teilweise ausgeschlossen ist. Hier stehen wir angesichts der hoch defizitären Unternehmensentwicklung vor dem Risiko, dass die Airline möglicherweise nicht mehr lange genug fortgeführt wird, bis wir Ansprüche erfolgreich (gerichtlich) durchsetzen können. Diese Gefahr bewerten wir als nicht unerheblich, wenn eine Fluggesellschaft angesichts der kleinen Flottengröße und der beträchtlichen Fixkosten des Flugzeugbetriebs nahezu strukturimmanent Verluste erwirtschaftet. Auch beobachten wir in diesem Zusammenhang die jüngsten Jahresabschlüsse sowie sonstige Meldungen zu wirtschaftlichen Kennzahlen.

Manchmal erkennen wir aufgrund dieser Datenlage eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass die Gesellschafter oder Fremdkapitalgeber einer Airline in absehbarer Zeit beschließen, ihre Verluste zu begrenzen und dem Unternehmen zusätzliche Mittel zu versagen. Wegen eines dadurch gesteigerten Ausfallrisikos reduzieren wir in derartigen Konstellationen die Zahl der Fälle, die wir bearbeiten. Ist das Kontingent ausgeschöpft, stehen wir aufgrund dieser Risikolage ausnahmsweise nicht zur Verfügung, um für Ansprüche gegen eine betroffene Fluggesellschaft Direktzahlungen zu gewähren.

In solchen Fällen eines gesteigerten Ausfallrisikos stehen Fluggäste erfreulicherweise nicht völlig chancenlos da. Hier ermuntern wir dazu, den jeweiligen Fall einmal bei den Fluggastportalen Flightright, EUClaim oder Fairplane in die Prüfung zu geben. Als Inkasso-Unternehmen, die Kunden erst nach erfolgreicher Durchsetzung ihrer Rechte auszahlen, betrifft sie das Insolvenzrisiko weniger als uns. Hier besteht also die Möglichkeit, dass Fluggäste doch eine Zahlung erhalten, ohne sich selbst um die Rechtsverfolgung kümmern zu müssen.

Sonstige Gründe, weshalb eine Flugentschädigung ausgeschlossen sein kann

Die gute Nachricht ist: Falls keiner der bisher gelisteten Gründe auftritt, berechtigt die FluggastrechteVO einen Reisenden höchstwahrscheinlich zu einer Flugentschädigung. Ausnahmen ergeben sich allenfalls noch dort, wo besondere individuelle Eigenschaften eines Fluggastes einen Anspruch ausschließen. Angesprochen ist damit beispielsweise die Buchung eines Tickets über einen öffentlich nicht verfügbaren besonders günstigen Mitarbeitertarif. Ob bei einem konkreten Flug für einen bestimmten Fluggast eine Entschädigungsberechtigung besteht, ermittelt im Einzelnen unser Entschädigungsrechner.