Wie viel Fluggastentschädigung erhält man tatsächlich?

Wie viel Fluggastentschädigung bei über dreistündiger Verspätung jedem Passagier gezahlt wird, ist vermeintlich leicht beantwortet. 250 € auf der Kurzstrecke, 400 € auf der Mittelstrecke und 600 € auf der Langstrecke. So will es die FluggastrechteVO, die den Anspruch von Passagieren auf ihre pauschale Fluggastentschädigung regelt. So behaupten es auch sämtliche schon bestehenden Fluggastportale, wenn man die Suchmaschine dazu befragt, wie viel Fluggastentschädigung einem Betroffenen zusteht. Damit scheint die Sache doch schon geklärt. Oder?

Jain. Denn was die FluggastrechteVO regelt und womit andere Fluggastportale werben, ist zunächst nur der Betrag einer Fluggastentschädigung, der de jure gefordert werden kann. Sprich: Ja soviel muss die Airline zahlen, um ihrer gesetzlichen Verpflichtung nachzukommen. Aber damit ist nicht gesagt, wann sie zahlt oder ob sie überhaupt zahlt. Im Volksmund heißt es, Recht haben ist nicht automatisch Recht kriegen. Und genau so verhält es sich zumindest bei Fluggastrechten.

Sehen Sie, wenn es wirklich keinen Aufwand kosten würde, als Fluggast seine Entschädigung in voller Höhe einzufordern, gäbe es all die Fluggastportale gar nicht. Ihr Erfolg erklärt sich zu einem Gutteil daraus, dass es sich für die meisten Fluggäste tatsächlich lohnt, ihre Fluggastentschädigung zwar nicht in voller Höhe zu erhalten, dafür aber sonst keinen nennenswerten Aufwand mit der Durchsetzung ihrer Forderung zu haben. Das lässt sich an folgendem Rechenbeispiel verdeutlichen.

Rechenbeispiel: Wie viel Fluggastentschädigung erhalte ich, wenn ich die Forderung selbst durchsetze?

Nehmen wir an, auf einem Mittelstreckenflug erleidet ein Fluggast eine vierstündige Verspätung, die alle Voraussetzungen für eine Ersatzzahlung erfüllt. Wie viel Fluggastentschädigung kann der Passagier laut FluggastrechteVO fordern? 400 €. Ersatz-Pilot würde ihm hiervon unterm Strich 250 € direkt auszahlen. Sein einziger Aufwand bestünde darin, in fünf Minuten das Online-Formular auszufüllen. Will der Fluggast auf die 150 € Differenz nicht verzichten, muss er den Anspruch selbst durchsetzen. Das dauert natürlich nicht bloß fünf Minuten! Aber, so mag sich manch einer denken, es wird schon nicht so aufwendig sein, dass es den Verzicht auf 150 € rechtfertigt. Um näherungsweise herauszufinden, ob das stimmt, muss man die aufzuwendende Lebenszeit zur Forderungsdurchsetzung mit dem Stundensatz des Fluggastes multiplizieren. Unterstellen wir, der Fluggast könnte pro Stunde alternativ 15 € netto verdienen.

Wie viel Zeit würde er zur Durchsetzung benötigen und welchem Gegenwert entspricht das? Erfahrungsgemäß ist folgendes Prozedere ein optimistisches Szenario:

Wie viel Fluggastentschädigung erhalten Selbstdurchsetzer im günstigen Fall?

Schritt 1: Recherche

Der Fluggast sichtet händisch seinen Fall und prüft, ob er überhaupt einen Anspruch hat. Dauer: 30 Minuten.

Schritt 2: Formulierung eines Aufforderungsschreibens

Als nächstes formuliert er ein Aufforderungsschreiben an die Airline. Durch entsprechende Google-Recherche findet er ggf. sogar eine für ihn ungefähr passende Vorlage, die er nur leicht umarbeiten muss. Dauer: Mindestens 30 Minuten.

Schritt 3: Versendung

Nun stellt sich die Frage: An welche Adresse muss das Aufforderungsschreiben geschickt werden? Das ist oft gar nicht so einfach zu beantworten. Denn meist findet sich auf der Website der Airline weder eine E-Mail-Adresse noch ein Kontaktformular. Dann bleibt nur der Weg durch ein mühseliges FAQ-System. Alternativ kann man natürlich auch an den Sitz der Airline einen Brief schicken. Aber auch das kostet seine Zeit nebst Druckkosten und Briefmarke. Dauer bis zur Versendung des Entschädigungsgesuchs: Mindestens 30 Minuten.

Schritt 4: Erinnerung

Häufiger als nicht antwortet die Airline ohne erneute Nachfrage gar nicht oder sehr spät. Zur Begründung heißt es gern, die Aufforderung zur Fluggastentschädigung sei nicht von vorn herein an die zuständige Stelle geschickt worden. Wie sollte sie auch, wenn diese oftmals auf den Websites der Fluggesellschaften gar nicht vermerkt ist? Insofern wird zumeist mindestens eine Erinnerung nötig. Dauer: 30 Minuten.

Schritt 5: Erneute Aufforderung

Antwortet die Airline schließlich, sind zwei Reaktionsweisen typisch. Entweder die Fluggesellschaft bestreitet mit einer Standardformulierung ihre Zahlungspflicht. Das passiert regelmäßig bei weniger sorgfältig ausformulierten Entschädigungsgesuchen. Wer also nicht schon im ersten Schritt mindestens eine Stunde in die fehlerfreie Ausgestaltung der Aufforderung zur Fluggastentschädigung investiert, wird diese Zeit benötigen, um auf die Ablehnung der Airline zu erwidern. Dauer: Mindestens eine Stunde. Bis zu diesem Punkt hat der Fluggast in aller Regel bereits über 2,5 Stunden investiert. Das entspricht in unserem Beispiel einem Zeitwert von ca. 40 €.

Schritt 6: Wie viel Fluggastentschädigung gibt es am Ende?

Erst nach diesem Arbeitsaufwand wird die zweite Reaktionsweise der Airline wahrscheinlich. In der Tat bietet sie eine Entschädigung an. Nur eben nicht in voller Höhe. Stattdessen kalkuliert sie damit, dass der Passagier einer Vergleichszahlung von etwa 75 Prozent des Nennwerts seines Anspruchs auf Fluggastentschädigung zustimmt. In unserem Fall, auf einem Mittelstreckenflug, wären das 300 €. Das ist sicher mehr, als alle Entschädigungsanbieter zahlen – Ersatz-Pilot selbst eingeschlossen. Gleichzeitig muss man bedenken, dass der Fluggast hierfür einen Aufwand im Gegenwert von 40 € investieren musste und bei einem höheren Stundensatz als 15 € sogar noch mehr.

Das heißt, das Mehr an Entschädigung bei der Selbstdurchsetzung relativiert sich sehr wahrscheinlich angesichts des Gegenwerts des erforderlichen Zeitaufwands. Dass die Sofortentschädigung durch Ersatz-Pilot Nerven und Wartezeit spart, ist dabei noch gar nicht eingepreist.

Wie viel Fluggastentschädigung bleibt Selbstdurchsetzern im ungünstigen Fall?

Vor allem muss man aber bedenken, dass der obige Ablauf ein günstiges Szenario darstellt. Ebenso gut ist denkbar, dass die Airline nicht einmal ein Vergleichsangebot unterbreitet und es auf die gerichtliche Konfrontation ankommen lässt. Dann waren die außergerichtlichen Mühen vollends vergebens. Verzichtet man weiterhin auf die Option einer Sofortentschädigung, bleibt dann nur die Option, einen Anwalt zu beauftragen.

Man kann das über Inkasso-Unternehmen wie Flightright tun. Hier zahlt man zwar nur im Erfolgsfall und hat kein Prozessrisiko. Gleichwohl muss man sich mit dem Gedanken anfreunden, dem Dienstleister mindestens 20, eher 25-30% des Nennwerts der Fluggastentschädigung plus Mehrwertsteuer als Provision zu überlassen. In unserem Beispiel des verspäteten Mittelstreckenflugs sind das knapp 150 €. Damit steht man nicht günstiger da, als wenn man sofort die direkte Entschädigung von Ersatz-Pilot gewählt hätte.

Alternativ kann der betroffene Passagier das Prozessrisiko eingehen, einen Anwalt beauftragen und in Vorkasse treten. Immerhin muss die Airline Anwalts- und Gerichtsgebühren tragen, sollte der Fluggast sich vor Gericht durchsetzen. Auch seine Fluggastentschädigung erhielte der Fluggast in diesem Falle in voller Höhe. Im Beispiel wären es ganze 400 €. Also besteht zumindest bei einem Gerichtsverfahren mit vollem Prozessrisiko die Aussicht, die gesetzlich vorgesehene Fluggastentschädigung einzustreichen?

Ja. Aber um das so zu bejahen, muss man die Seite des Aufwands hierfür ausklammern. Denn die eigenen Mühen hören bei gerichtlicher Durchsetzung nicht schon dort auf, wo der Einzelne die Airline zunächst außergerichtlich selbst aufgefordert hat. Sie fangen mit Beauftragung eines Juristen erst so richtig an. Zunächst ist ein geeigneter Anwalt zu suchen und anschließend zu mandatieren. Hiernach ist ihm der Fall zu schildern, damit er eine Klageschrift fertigen kann. Auch sind Rückfragen keine Seltenheit. Zudem wird der Kläger üblicherweise auch persönlich zum Verhandlungstermin eines Gerichtsverfahrens geladen.

Für die allermeisten dürfte der nötige zeitliche Aufwand hierfür außer Verhältnis zu den 150 € stehen, um die die Fluggastentschädigung in voller Höhe Ersatz-Pilots Direktzahlung übertrifft.

Wie viel Fluggastentschädigung zahlen die verschiedenen Direktentschädiger?

Damit ist aber noch geklärt, welcher Sofortentschädiger Fluggästen den größten Anteil am Nennwert ihrer Fluggastentschädigung gewährt. Ersatz-Pilot entschädigt Fluggäste bei Flugunregelmäßigkeiten auf Kurzstrecken direkt mit 150 €, auf Mittelstrecken mit 250 € und auf Langstrecken mit 450 €.

Die Konkurrenzportale EU-Flight, Wirkaufendeinenflug, Myflyright und Compensation2Go geben allesamt an, jedem Betroffenen auf Kurzstreckenflügen 145,88 € zu zahlen. 233,40 € sind es auf Mittelstreckenflügen, 350,10 € auf Langstreckenflügen (Stand: 4. September 2017).

Wer sich also (verständlicherweise) die Mühen einer Selbstdurchsetzung sparen möchte, dem können wir zurzeit die besten Konditionen für eine direkte Entschädigung bieten.